Whiplash (2014)

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Whiplash (2014)

Beitrag von Agent K » Mittwoch 6. Januar 2016, 12:54

Nun hat es WHIPLASH also auch auf die Pole-Position der Forum-Charts im Jahr 2015 geschafft... und ich verstehe es nicht so ganz. Zugegeben, ich kann mit Jazz nicht viel anfangen, und von allen musikalischen Ausdrucksformen kommt der Jazz meiner persönlichen Definition von akustischer Umweltverschmutzung wohl am nächsten. Aber ist WHIPLASH überhaupt ein "Musikdrama", nur weil hier jemand wie besessen auf sein Schlagzeug eindrischt wie Rocky Balboa auf einen Punchingball? Geht es hier noch um Musik und die persönliche Leidenschaft, deren "Qualität" zu perfektionieren? Ich denke nicht. WHIPLASH ähnelt eher einem Duell zweier Kontrahenten mit Profilneurose. Auf der einen Seite der ehrgeizige Schüler, dessen einzige Motivation darin zu liegen scheint, in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf als "Bester" zu bestehen, auf der anderen Seite der egozentrische Lehrer mit fanatischem Elitedenken, der zur eigenen Selbstbestätigung endlich mal einen der "Besten" ausbilden will. Letztlich geht es weniger um Musik und Leidenschaft, sondern es geht darum, wie viel Sozialkompetenz und Menschlichkeit jemand zu opfern bereit ist, um zur propagierten "Elite" zu gehören. "Man verkauft seine Seele" für den Erfolg, und damit ist man dann schon näher an Goethes Faust/Mephisto dran, als an meiner persönlichen Auslegung eines "Musikdramas"...
"Erfolg" als geradezu darwinistischer Egotrip wurde schon in vielen Filmen (z.B. BLACK SWAN, THE PRESTIGE, FAME, A CHORUS LINE, bis hin zum verunglückten ENDER'S GAME) erschöpfend thematisiert. Gerade in Sportdramen funktioniert das auch regelmäßig sehr gut, weil dort der "Erfolg" messbar/belegbar scheint, aber hier - im Kontext von Musik - ergibt es für mich nicht viel Sinn. Musik ist Leidenschaft und Gefühl, und das wird wiederum eher durch die Wirkung auf den Zuschauer als durch die Perfektion der Darbietung bestimmt. Die plakative "Qualität" ist nicht mehrheitsfähig. Außerdem ist eine Jazzband ein "Mannschaftssport", alle Instrumente und die Charaktere jedes einzelnen Mitgliedes zusammen "machen die Musik". Es kommt auf die "Harmonie" an, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich. Und wenn sich schon der Lehrer gebärdet wie ein Ausbilder der US-Marines, dann werden aus diese Ausbildung letztlich nur Einzelkämpfer bestehen, die anschließend nicht mehr teamfähig sind...
Und wenn der geläuterte Schöhler ausgerechnet dann zur Höchstform aufläuft, wenn er seine Leidenschaft über Monate frustriert an den Nagel gehängt und ohne jegliche Übung vernachlässigt hat, dann negiert das ja wohl auch die kompromisslos auf Arbeit, Disziplin, und Unterwürfigkeit reduzierte Ausbildung seines Lehrers. Und erst diese Interpretation verleiht dem Ende für mich eine gewisse Versöhnlichkeit. Aber bis dahin beharken sich da zwei Egomanen, die ich als Typen/Menschen nicht leiden kann...

Letztlich ein solider Film mit glänzenden Darstellern, und einem packenden Finale, wo ich mich persönlich einfach gegen Thema/Botschaft sperre, weil mir diese Form von Ehrgeiz und Erfolgsdenken total fremd ist und überhaupt nicht erstrebenswert scheint. Der Oscar für J.K. Simmons geht völlig in Ordnung. Seine Qualitäten als cholerisches HB-Männchen hat er schon oft genug bewiesen...

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von student a.d. » Mittwoch 6. Januar 2016, 14:51

Irgendwie scheine ich WHIPLASH aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten als du. Für mich steht bei dem Film nicht im Vordergrund, dass irgendwer bei irgendwas der beste sein will, sondern, dass ein fachliches Genie als ausbilder einen schüler dazu missbraucht, um seine eigene Vorstellung von perfektion zu realisieren, da man selbst das ideal realisieren könnte und dafür auch in kauf nimmt, seinen Schützling in ein menschliches wrack zu verwandeln. Deshalb finde ich auch, dass DIE UNSICHTBARE dem WHIPLASH inhaltlich viel näher steht, als der zunächst naheliegende BLACK SWAN, da in dem schwanenfilm die selbstzerstörung vor allem vom Schüler ausgeht und nicht vom Lehrer.
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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Agent K » Mittwoch 6. Januar 2016, 15:16

student a.d. hat geschrieben:...sondern, dass ein fachliches Genie als ausbilder einen schüler dazu missbraucht, um seine eigene Vorstellung von perfektion zu realisieren...
Die Suche nach Perfektion Ist für mich auch nichts anderes als "der Beste" sein zu wollen. Der Schüler mag da vordergründig eher in die Opferrolle passen, aber letztlich "missbrauchen" sie sich gegenseitig, um den persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Die beiden haben einander durchaus "verdient", denn beide opfern Ethik/Moral auf dem Altar des Erfolges. Kann man ja auch so machen, mich stört dann nur, dass da keinerlei Kritik/Auseinandersetzung/Reflexion betrieben wird. Unter den Schülern/Studenten existiert keinerlei Solidarität oder Zivilcourage, nur Rivalität, und eine unfassbare Demutshaltung, als Opfer für den erhofften späteren Ruhm... und die Musik als Ursache/Motivation verkommt eigentlich zum reinen Alibi. Und erst zum Finale wird sie dann für die beiden Grobhobel zur reinigenden und einenden Katharsis...

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von student a.d. » Mittwoch 6. Januar 2016, 15:53

Agent K hat geschrieben:
student a.d. hat geschrieben:...sondern, dass ein fachliches Genie als ausbilder einen schüler dazu missbraucht, um seine eigene Vorstellung von perfektion zu realisieren...
Der Schüler mag da vordergründig eher in die Opferrolle passen, aber letztlich "missbrauchen" sie sich gegenseitig, um den persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen.
Ich persönlich finde nicht, dass teller simmons "missbraucht". Wenn man das so definiert missbraucht jeder Schüler seinen Lehrer, jeder sportler seinen Trainer, da er etwas von ihm lernen will. Und ich finde auch nicht, dass teller die lehrkraft durch sein ehrgeiziges verhalten zu sehr in Anspruch nimmt oder ihn durch seinen Ehrgeiz zu irgendetwas zwingt oder gar eine Mitschuld daran trägt, dass er "missbraucht" wird, nur weil teller evtl einen Tick ehrgeiziger ist als andere. Wenn man ihm indirekt eine Mitschuld unterstellt bzw sagt, dass beide sich mit ihrer art verdienen, wäre das ja schon fast so, als würde man zu einer vergewaltigten frau sagen sie trage eine Mitschuld, nur weil sie mitgeflirtet hat oder einen tiefen Ausschnitt hatte. Ich weiß der Vergleich hinkt etwas und ist nicht wirklich perfekt, aber ich hoffe du ahnst was ich damit sagen möchte. :)
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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Agent K » Mittwoch 6. Januar 2016, 16:30

Also transportiert WHIPLASH für dich letztlich eine ähnlich eindeutige Täter-/Opfer-Rolle wie etwa DER FEIND IN MEINEM BETT?!? Dieser gegenseitige "Missbrauch" ist für mich die zentrale Aussage von WHIPLASH. Die Studenten sind Marionetten ihrer Karriere-Planung, die sich prophylaktisch sogar von ihren Freundinnen trennen, weil diese ein Problem/Ablenkung auf dem Weg zum Ruhm darstellen könnten. Sie wissen doch um die Reputation ihres Lehrers, und GENAU deshalb haben sie ihn ja auch ausgesucht. Nicht weil er der freundliche, umgängliche Typ ist, sondern weil er das optimale Karriere-Sprungbrett darstellt. Es gibt keine Freunde, sondern nur Konkurrenten, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Und dieser Ehrgeiz ist es, der sie all die Demütigungen schlucken lässt. Hier geht es nicht um Ethik oder Moral, oder um die Anklage einer Seite, sondern um Ziele. Und darum, wie viel Ethik/Moral man (beiderseitig) über Bord wirft, um diese Ziele zu erreichen. Hier geht es nicht explizit um ein Lehrer/Schüler-Verhältnis, sondern darum, wie man sich gegenseitig als "Mittel zum Zweck" auf dem Weg zu einem Ziel instrumentalisiert. Andrew hätte jederzeit eine andere Schule bzw. einen anderen Lehrer suchen können, aber seine Entscheidung/Denunziation erfolgt nicht aus irgendeiner Einsicht/Moral heraus, sondern als Reaktion darauf, dass seine gesteckten Ziele plötzlich unerreichbar wurden. Quasi aus Rache...

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Taipan » Freitag 8. Januar 2016, 06:32

Habe den Film gestern abend nun auch gesehen. Der war schon richtig gut gemacht und einer der rar gesäten Filme, die es schaffen, dass ich mich mit ihm auseinander setzen und darüber reden möchte.

Ich habe dem Film erstmal nur 7/10 Punkte gegeben, weil mir die Charaktere ebenfalls zu unsympathisch sind. Damit mein ich gar nicht den Lehrer, da er einfach nur "der Böse" ist/zu sein scheint. Es ist tatsächlich der Schüler, dem ich leider gar nichts gönne, weil er ein Riesenarschloch ist. Die Szene am Familientisch zeigt zwar ein wenig auf, warum er jetzt nicht der nette Junge von Nebenan ist, aber es fehlte mir noch der letzte Kick, um ihn wirklich zu verstehen und ihm so Sympathie entgegen zu bringen.
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Ich hätte es zB besser gefunden, wenn die Szene nicht damit geendet hätte, dass er einfach beleidigt vom Tisch aufsteht, sondern weiter eskaliert und zB die Hintergrundgeschichte warum seine Mutter seinen Vater verlassen hat auf den Tisch gekommen wäre und/oder es eine weitere Szene mit seinen Cousins (?) bzw. mit seinem Vater und dessen Bruder (?) gegeben hätte.
So ist er für mich halt nur ein Idiot, der nicht damit klar kommt, dass er nicht in Sport, sondern nur in Musik gut ist.

Bei imdb lasse ich meine Bewertung noch ruhen, da ich mir vorstellen könnte, dass der Film noch auf eine 8/10 wächst je länger ich ihn sacken lasse. Großartig gespielt war er allemal, die Thematik interessiert mich zwar auch nicht wirklich, aber das namensgebende Stück war cool und die Zeit beim Gucken verging wie im Fluge.
student a.d. hat geschrieben:Deshalb finde ich auch, dass DIE UNSICHTBARE dem WHIPLASH inhaltlich viel näher steht, als der zunächst naheliegende BLACK SWAN, da in dem schwanenfilm die selbstzerstörung vor allem vom Schüler ausgeht und nicht vom Lehrer.
Ich wurde die ganze Zeit an Black Swan als Musik College Pendant zum Ballet erinnert. Ich bin nicht der Meinung, dass sich die Filme hier unterscheiden. Natalie Portmann hat dort sicherlich noch einen klareren Dachschaden als Miles Teller hier, da ihre Familiensitutation noch kranker ist, der Trigger und Verantwortliche ist mMn aber in beiden Fällen der Lehrer.

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Agent K » Freitag 8. Januar 2016, 08:32

Taipan hat geschrieben:...da er einfach nur "der Böse" ist/zu sein scheint...
Ist Fletcher denn der "Böse"? Er ist doch kein Sadist, dem es Spaß macht seine Schüler zu quälen und zu demütigen. Sein Ziel/Job ist es eine Elite auszubilden, und er hat seine eigenen persönlichen Vorstellungen und "Lehrmethoden", wie dieses Ziel am besten zu erreichen bzw. die Spreu (Gewöhnlichkeit) vom Weizen (Elite) zu trennen ist. Und die Schüler wollen aus eigenem Anspruch zu jener Elite gehören, und stellen sich deshalb bewusst dieser Herausforderung. Fletcher will keinen Beliebtheitspreis gewinnen, sondern in seinen Schülern jene Besessenheit/Aufopferung/Disziplin beschwören, die aus seiner Sicht für die Elite unabdingbar ist. Beide Seiten haben das gleiche Ziel! Hier geht es nicht um Ethik/Moral bzw. plakative Gut/Böse-Schemata, auch nicht um ausgetretene "mit Glaube, Wille, und Arbeit kannst du alles erreichen"-Klischees, sondern um jene fließende Grenze, wo eine vermeintlich "unmenschliche" Ausbildung (Abkehr von gewohnten moralischen Konventionen) letztlich im gewünschten "Erfolg" mündet. Derartige Situationen wurden filmisch schon immer thematisiert, und in militärischen Hierarchien (z.B. FULL METAL JACKET, EIN OFFIZIER UND GENTLEMAN, THE GUARDIAN) mag der "Drill" als Notwendigkeit eher einleuchten. Aber gerade das Ende von WHIPLASH lässt ja wohl keine andere Deutung zu, als dass Fletchers Ausbildung im Falle von Andrew letztlich "erfolgreich" war...

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Taipan » Freitag 8. Januar 2016, 09:38

Dass der Erfolg sich einstellt ist eine Sache, aber es beantwortet nicht die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt.

Militärfilme eignen sich mMn nur bedingt als Vergleich, da es dort um andere Grundvoraussetzugen geht (Schutz und Verteidigung von Schwächeren) und nicht um Erfolg in Freizeitaktivitäten. Ich habe während des Guckens oft an Gegen jede Regel (einer meiner Lieblingsfilme) gedacht. Denzel Washington ist in dem Film ja ebenfalls nicht gerade zimperlich.

Es gibt dort eine Szene in der Will Patton sinngemäß (kriege das Zitat nicht mehr genau hin) zu ihm sagt: "Es gibt eine Grenze zwischen Härte und Wahnsinn. Sie überschreiten sie gleich." Denzel Washington zieht es zwar noch kurz weiter durch, lenkt dann aber ein und pfeift ab. Fletcher macht das in Whiplash mMn nicht.

Spätestens nachdem er realisiert, dass seine Methoden
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einem Schüler das Leben gekostet haben und er durch seinen Rausschmiss auch von Außen die Signale bekommt, das da was nicht richtig läuft, hätte bei ihm eine Läuterung einsetzen müssen (und das ist schon sehr, sehr stark "Im Zweifel für den Angeklagten" gedacht). Trotzdem hört er nicht auf und macht einfach weiter.

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Re: Whiplash (2014)

Beitrag von Agent K » Freitag 8. Januar 2016, 11:09

Taipan hat geschrieben:...aber es beantwortet nicht die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt...
Exakt DAS ist für mich das Thema des Filmes. Wer da letztlich nun mehr "Dreck am Stecken" hat ist völlig irrelevant. Es existiert kein plakatives Gut-/Böse-Schema. Und wie so oft will der Film diese Frage wohl auch gar nicht beantworten, und man könnte das Urteil des Zuschauers durch kleine Änderungen in der Dramaturgie ja eh in jede beliebige Richtung manipulieren. Und gerade im Showbiz allgemein (auch der Schauspielerei), wo die Zahl der Bewerber stets eklatant höher ist als die Zahl der zu vergebenden Stellen, scheint mir eine "demütigende Ausbildung" als Auswahlverfahren bzw. Kriterium schon beinahe als geduldeter Konsens. Und sollte eine Oscar-Dankesrede je mit einem "Und ich bedanke mich bei meinem Method-Acting-Lehrer/Regisseur dafür, dass er mich wie den letzten Dreck behandelt hat, denn ohne ihn stünde ich heute nicht hier" enden, dann wäre das für mich weder überraschend noch unglaubwürdig...

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