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von danielcc » Sonntag 19. Juli 2026, 12:09
Habe das wohl im falschen Thread gepostet. Also hier noch mal...
The Odyssey
Wo fange ich an? Vielleicht zur Einordnung:
Ich habe Homer nicht gelesen, kenne nur die diversen Episoden aus der Odyssee und etwas mehr aus der Ilias.
Zu Nolan habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Einige seiner Filme finde ich großartig, aber aus meiner Sicht hat er sich – Erfolg hin oder her – mit einigen verkopften Filmen auch vom Publikum entfernt (Dunkirk, Oppenheimer; auch Tenet und Interstellar sind für mich mehr interessant als unterhaltsam).
Es fällt mir noch recht schwer, meine Sicht auf The Odyssey in Worte zu fassen. Oft hat man ja direkt nach dem Kinobesuch ein klares Fazit zu einem Film im Kopf – vielleicht muss das hier aber auch gar nicht so sein. Es gibt wirklich sehr vieles, was mir außerordentlich gut gefallen hat, es gibt aber auch ein paar Einschränkungen.
Zunächst etwas sehr Gutes vorweg: Ausgerechnet die Homer-Verfilmung ist für mich einer der zugänglichsten Filme Nolans! Die hier gewählte nicht-lineare Erzählweise ergibt für mich ausdrücklich Sinn, und sie ist auch sehr leicht zu verstehen. Man muss nicht einmal das Original kennen, um zu verstehen, was Nolan wie und wann erzählt. Es gibt zwar drei Erzählebenen, aber die sind recht klar voneinander getrennt, und man kann alles immer gut einordnen. Die Art, wie Nolan die Geschichte erzählt, passt auch einfach wirklich gut zu dem, was er erzählt. Man wird relativ direkt in einen Strudel von Ereignissen hineingeworfen. Am Anfang fühlt man sich noch etwas überladen von Rückblenden und verschiedenen Handlungsorten, doch gerade das trägt dazu bei, dass man sich besser in den Zustand des Protagonisten (und anderer wichtiger Figuren) hineinversetzen kann. Überhaupt wirkte The Odyssey auf mich wie der persönlichste Film Nolans. Mehr als in vielen seiner anderen Werke spielt hier auch das Herz eine große Rolle, und es liegt vor allem an einer großartigen (und großartig anderen) Anne Hathaway, dass das so gut rüberkommt.
Überhaupt der Cast – mit sehr viel Licht und sehr wenig Schatten!
Hathaway und Holland kommen sehr wichtige Rollen zu. Beide machen das großartig, wobei ich mich nicht ganz mit der Besetzung von Holland anfreunden konnte. Er ist zu alt (oder Hathaway als seine Mutter zu jung), und ich wurde das Gefühl nicht los, dass man hier den übermächtigen Spider-Man zu einem Orlando-Bloom-als-Paris-Verschnitt gemacht hat.
Dafür ist Pattinson exzellent besetzt als schleimiger, feiger und intriganter Antagonist. Gleiches gilt für John Leguizamo in einer nicht zu unterschätzenden Rolle. Die beiden ach so viel diskutierten "Diversity-Castings" funktionieren großartig. Elliot Page ergibt in der Rolle wirklich Sinn, und Lupita Nyong'o hinterlässt in ihren vielleicht fünf Minuten Screentime hundertmal mehr Eindruck als die schön-blasse Kruger in Troja. Und ja, vielleicht gerade wegen ihres Aussehens kann man sich viel besser vorstellen, dass Kriege um sie geführt worden wären.
Weniger passend fand ich Zendaya. Ihr wird wenig gegeben, und daraus kann sie auch nicht mehr machen. Sie ist nett anzuschauen, wirkt aber wie ein Fremdkörper – buchstäblich, als habe man einen Social-Media-Influencer in die Antike versetzt. Anders ist da Theron, die ebenfalls nicht wahnsinnig viel zu tun hat, das Wenige aber mit Präsenz und Charisma ausfüllt.
Dann ist da Matt Damon. Damon ist ein Schauspieler, den ich eigentlich nie sehen möchte, der mich aber jedes Mal wieder begeistert, wenn ich ihn dann sehe. Hier leider nicht – und das ist tragisch. Ich denke aber, dass das zu einem guten Teil an seiner deutschen Synchro liegt, die zwar wunderbar zu lakonischen, zynischen und leicht depperten Rollen passt, aber wirklich ganz und gar nicht zu diesem heldenhaften Kerl.
Was ist zur Inszenierung zu sagen? Der Film sieht weitestgehend großartig aus. Alles besitzt eine Authentizität, die vielen aufwendigen Filmen schon lange abgeht. In gewisser Weise ist dies Nolans Anti-MCU. Alles wirkt echt, alles ist lebendig: die Wellen, der Nebel, der Staub, der Schweiß … Es gibt nicht einen Moment, in dem man etwas sofort als CGI identifizieren würde.
Logischerweise wartet man besonders auf die bekannten Herausforderungen aus der antiken Geschichte. Manche sind sehr werkgetreu umgesetzt, manche sehr großzügig interpretiert, manches fehlt ganz. Ein frühes Highlight ist das Aufeinandertreffen mit dem Zyklopen. Ich weiß nicht, ob das wirklich animatronisch gelöst wurde, aber egal wie – die Szene ist atemberaubend! Absolut grotesk und gleichzeitig beeindruckend ist die Sequenz bei Circe. Mehr sage ich dazu mal nicht.
An Stellen, an denen es ohne CGI wohl nicht ging, zeigt Nolan nur das Mindeste, was er braucht, um Spannung zu erzeugen. Auch mit CGI-aufgeblasenen Heeren wird man nicht konfrontiert. Jede einzelne Person, die man sieht, war wohl tatsächlich am Set. Dadurch ist aber auch der wahre Aufwand des Films vielleicht schwer einzuschätzen. Im Vergleich zum MCU, DCU oder auch Der Hobbit wirkt das alles gewaltig, weil eben echt. Andererseits muss man den Film dann mit den großen Klassikern des Hollywood-Sandalenfilms messen, und dort gab es wahrscheinlich mehr Statisten und gewaltigere Kulissen.
Der beste Vergleich, der mir in Bezug auf die Wirkung von The Odyssey einfällt, ist der erste Herr der Ringe-Film. Die Kombination aus realen Schauplätzen, atemberaubend eingefangen, cleveren optischen Tricks, Oldschool-Effekten und etwas CGI wirkt ebenso stimmig wie damals bei Peter Jackson. In Teilen wirkt der Film sogar klein und intim. Vor allem der Showdown ist dann sehr ungewöhnlich, fast Tarantino-esk.
Apropos Bilder: Ich habe es schon oft gesagt und fühle mich umso mehr bestätigt: Niemand braucht IMAX. Das ist reines Marketing. Was an dem Film wirkt, sind die Aufnahmen von van Hoytema, nicht das Format! Im Gegenteil: Teilweise störte mich die vertikale Ausrichtung der Bilder und die seitliche Begrenzung, wo man es gerade bei großen Landschaftstotalen gewohnt ist, mehr Breite zu sehen. Zudem – ich weiß nicht, ob es ein Problem der IMAX-Kameras ist oder eine (wiederholte) Schwäche von van Hoytema –, wirken Nahaufnahmen in einzelnen Dialogen (vor allem im großartig gespielten Dialog zwischen Holland und Hathaway) immer mal wieder kurz unscharf.
Gelohnt hat sich das Format dennoch, wenn auch viel mehr für Sound und Ton. Göransson hat mal wieder alles, nur keinen normalen Score "ausgetüftelt", und so brummt, wummert und scheppert es den ganzen Film über gewaltig.
Fazit: Selten war ich zweieinhalb Stunden lang so auf die Leinwand gebannt. Das liegt aber an ganz vielen klassischen Tugenden des Filmemachens – Darsteller, Drehbuch, Kameraführung, echte Kulissen, Landschaften sowie Tricks und Stunts – und viel weniger an dem ach so viel diskutierten IMAX-Format. Für mich ist das vielleicht der zugänglichste Film Nolans und bei all seinem Bombast zugleich der mit besonders viel Herz.